Ein kurzes Vorwort

Es ist nicht die Frage, „Wie“ oder „Wann“

man eine Geschichte beginnen lässt.

Die Frage ist wohl eher:

Wo beginnt man eine Geschichte?“

und

Wo endet eine Geschichte?“

Es ist völlig gleich, wo man beginnt, denn es

gibt immer eine Geschichte davor und eine

danach.

Die Unendlichkeit, welche allgegenwärtig ist,

gestattet uns nicht, den Anfang der Zeit zu

begreifen.

2.2.10 00:04, kommentieren

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Am Weihnachtsmorgen

 Es wurde schon langsam hell,

 als Lilly vom Pfeifen des

Windes, der sich am undichten

Fenster ihres Zimmers vorbei

schlich, geweckt wurde. Sie

rieb sich die Augen, schlug die

dicke Federbettdecke, welche

sie selbst mit Mutter

ausgestopft hatte, zurück und

ließ ihre nackten Füße zu Boden

sinken. Doch was war das? Wo

waren die Pantoffeln und das,

unter ihnen liegende, Schaffell?

Sie zuckte mit den Schultern

und stand auf. Leise schlich sie

auf Zehenspitzen zur Tür. Ihr

langes, weißes Nachthemd

schliff auf dem Boden. Sie

hasste dieses viel zu groß

geratene Ding. Eine Tante,

mütterlicherseits, hatte es für

Lilly genäht. Sie hörte die

Worte der Tante in ihrem Kopf:

“Du wächst schon noch hinein,

Kind!“ Die Dielen knarrten. Sie

fasste die Klinke aus altem

rostigem Gusseisen und drückte

sie herunter. Vorsichtig zog sie

die Tür auf und ging in den Flur

hinaus. Dort gab es auch

Dielen, die nebenbei bemerkt

noch lauter knarrten. Aber das

bereitete Lilly keine Sorgen,

denn sie kannte die Schritte,

die sie machen musste, um

möglichst Geräuscharm zur

Treppe zu gelangen. Das

Mädchen hielt einen Moment

inne und horchte. Das Zimmer

ihrer Eltern war gleich den Flur

entlang und aus ihm ertönte ein

lautes Schnarchen ihres Vaters.

Nun, sie kicherte und lief rasch

die Treppe, welche aus uraltem

Sandstein war, hinunter ins

Wohnzimmer. Der bunt

geschmückte Baum stand in der

Mitte des Raumes. Da lagen sie.

Die Päckchen, die der

Weihnachtsmann des nachts

gebracht hatte. Da sie noch

zwei Brüder hatte, war jedes

Geschenk mit dem jeweiligem

Namen versehen. Eines nahm

sie in die Hand, um zu sehen

welches für sie bestimmt war.

Doch dieses war es nicht. Also

nahm sie ein Anderes.

Auch das war nicht für sie.

Seltsam! Hatte der

Weihnachtsmann sie etwa

vergessen? Wieder zuckte sie

mit den Schultern und dachte

so im Stillen, dass es wohl ein

Missverständnis sein muss und

es sich später, wenn alle zum

Frühstück herunter kommen

würden, schon aufklären

würde. Im gleichen Moment

erblickte sie Schnee auf dem

Fenstersims. Sie lief schnell

hinüber, um hinaus zu sehen.

Ihre Augen funkelten beim

Anblick der weißen Pracht. Ein

breites Lächeln zog sich über

ihr Gesicht. Sie rieb sich die

Hände und beschloss hinaus zu

gehen. Vor lauter Freude

vergaß sie, dass sie keine

Schuhe an hatte und nichts

weiter als das Nachthemd. Sie

war entschlossen. Auf nach

draußen. Schnell huschte sie

zur Hintertür und öffnete sie.

Ein kalter Hauch schoss ins

Haus. Schnell schlüpfte sie

hinaus und schloss die Tür

wieder hinter sich. Sie machte

einen großen Schritt und schon

stand sie im frisch gefallenem,

Knöchel-tiefem Schnee. Sie

ging noch ein paar Schritte bis

sie in Mutters Gemüsebeet

stand. Es fühlte sich an, wie

durch Sand zu laufen, nur

kälter. Sie fand es schön, wenn

sich der Schnee durch die

Zehen drückte und schmolz. Sie

dachte sich, wie schön Weiß

alles aussah. Die Tannen, wie

mit Zucker überzogen und erst

die Wiese. Ein Traum, wie ein

Sahnemeer. Plötzlich spürte sie

ein Kribbeln in ihren Füßen.

Dieses Kribbeln verwandelte

sich in kleine Nadelstiche, die

ihre Beine hinauf wanderten.

Der Schmerz wurde immer

schlimmer. Und mit einem Mal

spürte sie gar nichts mehr. Sie

wollte zurück zum Haus laufen,

doch es ging nicht. Lilly schaute

hinunter und sah, dass ihre

Beine blau an gelaufen waren.

Vor lauter bestaunen des

Schnees, hatte sie die Zeit

vergessen und nicht bemerkt,

dass sie schon seit einer Stunde

im frostigem Garten ausharrte.

Auch die Hände und der Rest

des Körpers waren starr. Sie

konnte sich vor Kälte nicht

mehr rühren. Bevor sie

realisieren konnte was

geschah, fiel sie zu Boden und

blieb liegen. Mühselig

versuchte sie sich auf zu

richten, doch sie schaffte es

beim besten Willen nicht.

Langsam verlor sie das

Bewusstsein und viel in eine Art

Trance. Als sie wieder zu sich

kam, noch ganz benommen,

stand sie auf, als wäre nichts

geschehen. Abermals zuckte sie

mit den Schultern, ging zurück

zum Haus und trat ein.

Mittlerweile waren auch

Mutter, Vater und ihre

Geschwister aufgestanden. Sie

ging ins Wohnzimmer und sah

ihre Brüder die Päckchen

öffnen. Mutter und Vater saßen

am Frühstückstisch. Vater las

Zeitung und Mutter starrte vor

sich hin. Lilly ging auf ihre

Mutter zu und sagte: „Guten

Morgen Mutter?“ Doch sie

bekam keine Antwort. Sie

grüßte auch ihren Vater, aber

auch dieser antwortete nicht.

Noch einmal richtete sie das

Wort an ihre Mutter: „Warum

gibt es für mich keine

Päckchen?“ Keine Reaktion.

Dann schrie sie ihren Vater an:

„Hallo, was ist denn los?“ Vater

legte die Zeitung bei Seite und

schaute zu Mutter, welche

immer noch regungslos am

Tisch saß und Löcher in den

Boden starrte, und sagte: „Lass

uns gleich zum Friedhof

gehen!“ Entsetzt ließ Lilly den

Unterkiefer sinken und

versuchte zu verstehen was der

Vater gerade gesagt hatte. Sie

konnte sich nicht erinnern wer

kürzlich gestorben war, denn

nie

gingen sie an Weihnachten auf

den Friedhof. Lilly war

neugierig und schloss sich den

Eltern und den Geschwistern,

die aufbrachen um zum

Friedhof zu gehen, an. Dort

angekommen standen alle um

ein mit Neuschnee bedecktem

Grab. Vater wischte den Schnee

von der Marmor-platte und in

goldener Schrift standen da ein

Name, Geburtstag und

Todestag. Plötzlich fiel es Lilly

wie Schuppen von den Augen.

Nun wusste sie warum die

Pantoffeln fehlten, das Schaffell

nicht mehr da lag, Niemand sie

beachtete und keine Päckchen

unter dem Weihnachtsbaum

lagen. Lilly Pommeroy ist genau

vor einem Jahr im Garten des

Elternhauses im Schnee

erfroren. Sie wurde nur acht

Jahre alt.

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Das Mondlicht im Januar

Vor ein paar Jahren trug sich folgende Geschichte zu. Auf einer Straße zwischen Zimmern und Craula fuhr ein kleines blaues Auto. Das Außenthermometer zeigte -15 C° an. Bitterkalt, wie üblich im Januar, aber Schnee lag nicht. Es war 1Uhr nachts und auf der Fahrbahn glitzerte der Reif im Mondschein. Rings herum waren Felder und eine Baumallee zu sehen und in der Ferne war ein Wald zu erkennen, auf welchen Fox und Mary zu steuerten. Sie hatten ein bestimmtes Ziel. Am Rand des Waldes angekommen, fuhren sie hinein. Bald erreichten sie eine Lichtung. Es war der Parkplatz des Hainichs. Eine große Fläche, auf welcher Kies und Schotter breit gefahren worden waren, damit Besucher aus aller Welt, die vorzugsweise nur in den wärmeren Jahreszeiten in den erholsamen Nationalpark kamen, hier ihre Autos und Reisebusse abstellen konnten. Auf der gegenüberliegenden Seite sah man ein verlassenes, altes, halb zerfallenes Haus. Ansonsten waren da nur Bäume und Sträucher. So standen sie da, in der Mitte des Stellplatzes. Es war still und ein wenig unheimlich so allein. Doch Mary fürchtete sich nicht, da sie Fox bei sich hatte. Sie waren schon seit einem Jahr zusammen. Beide wohnten noch bei ihren Eltern. Deshalb waren sie nie ganz ungestört. Jederzeit konnte jemand von den Familien ins Zimmer kommen. Also dachten sie sich, sie begeben sich hier her, um endlich mal die Zweisamkeit genießen zu können. Die Autotüren wurden verriegelt und das Fenster einen Spalt geöffnet, um Frischluft zu bekommen. Fox hatte einen tragbaren DVD- Spieler dabei. Er stellte diesen auf das Armaturenbrett und legte einen Film ein. Beide machte es sich auf der Rückbank, in eine Decke ein gekuschelt, gemütlich. Nach einer halben Stunde stockte der Film und der Player ging aus. Der Akku war leer. Mary lachte über Fox, der sich ärgerte das Gerät nicht noch einmal aufgeladen zu haben. Einige Minuten später lachte er auch darüber. Mary setzte sich auf. Fox legte seinen Kopf, mit dem Gesicht nach oben, in ihren Schoß und schloss die Augen. Sie war angenehm diese Ruhe. Und während sie sich unterhielten, öffnete er ab und an mal die Lider und schloss sie wieder. Manchmal war ihm so als hätte er draußen einen Schatten gesehen. Aber wer sollte sich denn um diese Zeit hier herum treiben? Beim Ankommen hatten sie kein Auto weit und breit gesehen und der nächste Ort war fünf Kilometer entfernt. Er hielt es für unwahrscheinlich, dass jemand bei der Kälte und des nachts einen Spaziergang hier her unternehmen würde. Also kümmerte er sich nicht weiter darum. Doch plötzlich bewegte sich ein dunkler Umriss, direkt hinter der Heckscheibe. Fox zuckte zusammen und fragte Mary, ob sie auch etwas gesehen hatte. Denn es konnte ja sein, dass er es sich nur einbildete. Sie bestätigte auch etwas gesehen zu haben. Beide waren starr vor Angst. Ein kalter Schauer durch-fuhr ihre Körper. Tausend Gedanken schossen ihnen durch die Köpfe. Was hatten sie gesehen? Fox richtete sich langsam und am ganzen Leib zitternd, auf und sah sich um. Da erblickte er eine Gestalt, die neben der rechten C- Säule des Autos stand. Wieder zuckte er zusammen, als ob ihm ein Stromschlag verpasst wurde. Er riss die Augen weit auf und sein Herz hämmerte ihm gegen die Brust. Mary klammerte sich an Fox´s Arm und wimmerte. Da kauerte jemand. Halb gebückt und die Arme, vor Kälte, um sich geschlungen. Die Kapuze seines Mantels weit ins Gesicht gezogen, sodass man es nicht sah. Atemwolken stießen ihm in kurzen Abständen aus dem Mund und er schwankte dabei leicht vor und zurück. Wer war das? Und was wollte er? Niemand wusste, dass die Zwei hier draußen waren. Sie konnten an nichts anderes denken, als daran dass sie gleich sterben würden. Was sollten sie nur tun? Nach dem einige Minuten, in denen sie regungslos verharrten, vergangen waren, zog Fox sein Handy aus seiner Hosentasche, aber er hatte kein Netz. Das konnte doch nicht war sein. Sie fühlten sich wie in einem schlechten Horrorfilm, welcher jedes Klischee erfüllte. Mary saß immer noch reglos da, als Fox zu ihr flüsterte, sie solle auf den Fahrersitz klettern, wenn er es ihr sagte. Doch sie war zu aufgeregt und bat ihn dies selbst zu tun. Er redete, soweit in dieser Situation möglich, ruhig auf sie ein und schließlich willigte sie ein. Langsam lehnte sich Fox vor zum Lenkrad und drückte in langen Intervallen auf die Hupe. Sein Gesicht auf die Gestalt gerichtet, sah er wie die Person ein paar Schritte zurück wich. Das war ihre Chance. Jetzt war es soweit. Mary kletterte auf Anweisung von Fox nach vorn auf den Fahrersitz. Immer noch bebend vor Angst. Während sie den Motor an ließ, wischte sie mit der rechten Hand die Frontscheibe, die beschlagen war, ein wenig frei. Dann fuhr sie ruckartig los. Sie waren fast vom Parkplatz runter, als Fox, immer noch die Augen auf die Gestalt gerichtet, sah wie diese da stand. Im nächsten Moment rannte sie dem Auto hinter her. Fox schrie Mary an, sie solle schneller fahren. Diese tat es. Sie fuhren aus dem Wald hinaus. Nach ungefähr 2 Kilometern hielten sie rechts in einer Schneise an um sich etwas zu beruhigen. Fox war ganz weiß im Gesicht und Mary war übel vor Schreck. Dann fuhren sie nach Hause. Beide konnten in dieser Nacht kein Auge zu tun. Am nächsten Morgen erzählten sie Fox´s Eltern was passiert war. Diese waren geschockt über das Erlebte der Beiden. Sie überlegten gemeinsam wer das gewesen sein könnte. Ein Jäger oder Förster vielleicht? Aber dieser hätte doch auf sich aufmerksam gemacht und wäre nicht noch hinter ihnen her gerannt. Und schon gar nicht um diese Zeit. Von den Freunden hätte es auch niemand sein können, denn sie hatten spontan den Entschluss gefasst dort hin zu fahren. Fox´s Mutter schimpfte und konnte nicht verstehen warum die Zwei überhaupt da hin gefahren waren. Ein paar Tage später, sie hatten sich wieder etwas beruhigt, kam in den Nachrichten ein Bericht über einen Mörder, der im nicht weit entfernten Gotha eine Frau erstochen hatte und seit her auf der Flucht war. Sofort schoss ihnen der Gedanke in den Sinn, dass das diese unheimliche Gestalt aus dem Hainich sein könnte, die sich dort versteckte. Aber gewiss war es nicht. Sie haben nie erfahren was es mit dieser Begegnung, in jener Nacht im Januar, auf sich hatte.


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