Am Weihnachtsmorgen

 Es wurde schon langsam hell,

 als Lilly vom Pfeifen des

Windes, der sich am undichten

Fenster ihres Zimmers vorbei

schlich, geweckt wurde. Sie

rieb sich die Augen, schlug die

dicke Federbettdecke, welche

sie selbst mit Mutter

ausgestopft hatte, zurück und

ließ ihre nackten Füße zu Boden

sinken. Doch was war das? Wo

waren die Pantoffeln und das,

unter ihnen liegende, Schaffell?

Sie zuckte mit den Schultern

und stand auf. Leise schlich sie

auf Zehenspitzen zur Tür. Ihr

langes, weißes Nachthemd

schliff auf dem Boden. Sie

hasste dieses viel zu groß

geratene Ding. Eine Tante,

mütterlicherseits, hatte es für

Lilly genäht. Sie hörte die

Worte der Tante in ihrem Kopf:

“Du wächst schon noch hinein,

Kind!“ Die Dielen knarrten. Sie

fasste die Klinke aus altem

rostigem Gusseisen und drückte

sie herunter. Vorsichtig zog sie

die Tür auf und ging in den Flur

hinaus. Dort gab es auch

Dielen, die nebenbei bemerkt

noch lauter knarrten. Aber das

bereitete Lilly keine Sorgen,

denn sie kannte die Schritte,

die sie machen musste, um

möglichst Geräuscharm zur

Treppe zu gelangen. Das

Mädchen hielt einen Moment

inne und horchte. Das Zimmer

ihrer Eltern war gleich den Flur

entlang und aus ihm ertönte ein

lautes Schnarchen ihres Vaters.

Nun, sie kicherte und lief rasch

die Treppe, welche aus uraltem

Sandstein war, hinunter ins

Wohnzimmer. Der bunt

geschmückte Baum stand in der

Mitte des Raumes. Da lagen sie.

Die Päckchen, die der

Weihnachtsmann des nachts

gebracht hatte. Da sie noch

zwei Brüder hatte, war jedes

Geschenk mit dem jeweiligem

Namen versehen. Eines nahm

sie in die Hand, um zu sehen

welches für sie bestimmt war.

Doch dieses war es nicht. Also

nahm sie ein Anderes.

Auch das war nicht für sie.

Seltsam! Hatte der

Weihnachtsmann sie etwa

vergessen? Wieder zuckte sie

mit den Schultern und dachte

so im Stillen, dass es wohl ein

Missverständnis sein muss und

es sich später, wenn alle zum

Frühstück herunter kommen

würden, schon aufklären

würde. Im gleichen Moment

erblickte sie Schnee auf dem

Fenstersims. Sie lief schnell

hinüber, um hinaus zu sehen.

Ihre Augen funkelten beim

Anblick der weißen Pracht. Ein

breites Lächeln zog sich über

ihr Gesicht. Sie rieb sich die

Hände und beschloss hinaus zu

gehen. Vor lauter Freude

vergaß sie, dass sie keine

Schuhe an hatte und nichts

weiter als das Nachthemd. Sie

war entschlossen. Auf nach

draußen. Schnell huschte sie

zur Hintertür und öffnete sie.

Ein kalter Hauch schoss ins

Haus. Schnell schlüpfte sie

hinaus und schloss die Tür

wieder hinter sich. Sie machte

einen großen Schritt und schon

stand sie im frisch gefallenem,

Knöchel-tiefem Schnee. Sie

ging noch ein paar Schritte bis

sie in Mutters Gemüsebeet

stand. Es fühlte sich an, wie

durch Sand zu laufen, nur

kälter. Sie fand es schön, wenn

sich der Schnee durch die

Zehen drückte und schmolz. Sie

dachte sich, wie schön Weiß

alles aussah. Die Tannen, wie

mit Zucker überzogen und erst

die Wiese. Ein Traum, wie ein

Sahnemeer. Plötzlich spürte sie

ein Kribbeln in ihren Füßen.

Dieses Kribbeln verwandelte

sich in kleine Nadelstiche, die

ihre Beine hinauf wanderten.

Der Schmerz wurde immer

schlimmer. Und mit einem Mal

spürte sie gar nichts mehr. Sie

wollte zurück zum Haus laufen,

doch es ging nicht. Lilly schaute

hinunter und sah, dass ihre

Beine blau an gelaufen waren.

Vor lauter bestaunen des

Schnees, hatte sie die Zeit

vergessen und nicht bemerkt,

dass sie schon seit einer Stunde

im frostigem Garten ausharrte.

Auch die Hände und der Rest

des Körpers waren starr. Sie

konnte sich vor Kälte nicht

mehr rühren. Bevor sie

realisieren konnte was

geschah, fiel sie zu Boden und

blieb liegen. Mühselig

versuchte sie sich auf zu

richten, doch sie schaffte es

beim besten Willen nicht.

Langsam verlor sie das

Bewusstsein und viel in eine Art

Trance. Als sie wieder zu sich

kam, noch ganz benommen,

stand sie auf, als wäre nichts

geschehen. Abermals zuckte sie

mit den Schultern, ging zurück

zum Haus und trat ein.

Mittlerweile waren auch

Mutter, Vater und ihre

Geschwister aufgestanden. Sie

ging ins Wohnzimmer und sah

ihre Brüder die Päckchen

öffnen. Mutter und Vater saßen

am Frühstückstisch. Vater las

Zeitung und Mutter starrte vor

sich hin. Lilly ging auf ihre

Mutter zu und sagte: „Guten

Morgen Mutter?“ Doch sie

bekam keine Antwort. Sie

grüßte auch ihren Vater, aber

auch dieser antwortete nicht.

Noch einmal richtete sie das

Wort an ihre Mutter: „Warum

gibt es für mich keine

Päckchen?“ Keine Reaktion.

Dann schrie sie ihren Vater an:

„Hallo, was ist denn los?“ Vater

legte die Zeitung bei Seite und

schaute zu Mutter, welche

immer noch regungslos am

Tisch saß und Löcher in den

Boden starrte, und sagte: „Lass

uns gleich zum Friedhof

gehen!“ Entsetzt ließ Lilly den

Unterkiefer sinken und

versuchte zu verstehen was der

Vater gerade gesagt hatte. Sie

konnte sich nicht erinnern wer

kürzlich gestorben war, denn

nie

gingen sie an Weihnachten auf

den Friedhof. Lilly war

neugierig und schloss sich den

Eltern und den Geschwistern,

die aufbrachen um zum

Friedhof zu gehen, an. Dort

angekommen standen alle um

ein mit Neuschnee bedecktem

Grab. Vater wischte den Schnee

von der Marmor-platte und in

goldener Schrift standen da ein

Name, Geburtstag und

Todestag. Plötzlich fiel es Lilly

wie Schuppen von den Augen.

Nun wusste sie warum die

Pantoffeln fehlten, das Schaffell

nicht mehr da lag, Niemand sie

beachtete und keine Päckchen

unter dem Weihnachtsbaum

lagen. Lilly Pommeroy ist genau

vor einem Jahr im Garten des

Elternhauses im Schnee

erfroren. Sie wurde nur acht

Jahre alt.

2.2.10 01:01

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